Are You A Positive Babywearing Advocate?

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Der folgende Beitrag stammt im Original von Tami Grosset, kanadische Trageberaterin, Bloggerin und Gründerin der Ottawa Babywearing Group. Der von ihr verfasste Artikel „Are you a positive Babywearing Advocate?“ datiert vom 24. Februar 2014 und hat uns sehr beeindruckt. 

Wir von Wickelkinder sind stolz darauf, diesen Artikel exklusiv übersetzen und abdrucken zu dürfen, um ihn auch der deutschen Trageszene zur Verfügung und zur Diskussion zu stellen. Danke Tami!

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Bist du eine positive Fürsprecherin fürs Babytragen?

Wir leben in guten Zeiten, wenn es um das Tragen von Babys geht. Wir tragen in wirklich guten Zeiten! Die Sicherheit von Babytragen und Tragetüchern war niemals besser und wir wissen mehr als je zuvor, wie wir unsere Babys sicher tragen können.

Trotzdem steht das Tragen von Babys in unserer Gesellschaft immer noch in dem Ruf, eine riskante Praxis zu sein, vor allem wenn es um Neugeborene geht.

[Der BagSling-Skandal in USA von 2010]

Für Eltern, die mit den Grundregeln und der Praxis des Babytragens nicht vertraut sind, ist es schwierig, den Unterschied zu erkennen zwischen einem RingSling und einem BagSling.
(Anmerkung von Wickelkinder: im RingSling wird das Baby aufrecht und eng am Körper der Eltern auf Brusthöhe getragen – im BagSling wird das Baby halb-liegend wie in einer Tasche vor dem Bauch der Eltern getragen. Mehr Infos zum BagSling-Skandal von 2010 hier )

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Links: Im März 2010 wurden über 1 Million BagSlings/ Tragetaschen in den USA und Kanada und später auch in den UK zurückgerufen, nachdem diese Art von Tragetasche mit dem Tod von mehreren Säuglingen in Zusammenhang gebracht wurde. Rechts: RingSlings dagegen positionieren das Baby eng an dem Körper der Eltern in Kopf-Kuss-Höhe und ermöglichen Sichtkontakt. Korrekt genutzt, ist diese Art von RingSling eine fabelhaft sichere Variante für Neugeborene.

Aber was verstehen wir unter „sicherem“ Babytragen? Sicheres Babytragen bedeutet – für mich – zunächst einmal, dass Dein Baby keinem erhöhtem Risiko ausgesetzt ist, einen Unfall oder eine gefährliche Verletzung zu erleiden. Sicher heißt, Dein Baby wird aufgrund der von Dir gewählten Tragehilfe niemals in eine lebensbedrohliche Situation geraten. Die Tragehilfe, die du verwendest, mag vielleicht nicht ergonomisch sein. Aber sie ist deswegen nicht gefährlich oder gesundheitsgefährdend, nur weil sie nicht ergonomisch ist. Sie ist vielleicht suboptimal, aber sie ist höchstwahrscheinlich sicher. Diese Unterscheidung zwischen „sicher“ und „suboptimal“ ist wichtig zu betonen!

[Die Entwicklung der Babytrage-Industrie in den USA seit 2010]

In den letzten vier Jahren hat sich die Babytragen-Industrie enorm entwickelt. Der internationale Verband BCIA (Baby Carrier Industry Alliance) [Anm. Wickelkinder: gegründet 2010 in USA in Folge des BagSling-Skandals] hat in den letzten Jahren eng mit Verbraucherschutzbehörden wie der CPCS (Consumer Product Safety Commission) und ASTM International (American Society for Testing and Materials) zusammengearbeitet, um einen Sicherheitsstandard für Babytragen zu erstellen. Die Einhaltung der CPSIA-Vorschriften (Consumer Product Safety Improvement Act/ Gesetz zur Verbesserung der Produktsicherheit für Verbraucher) ist für Babytragen-Hersteller verpflichtend. So ist es gesetzlich vorgeschrieben, jede Tragehilfe mit einer Registrierungs-Karte und eindeutigen Modellnummer zu versehen, jeden Zwischenfall/ Unfall in Zusammenhang mit einer Babytrage zu melden und die einzelnen Bestandteile der Tragehilfen nachweislich auf die Abwesenheit von Blei und Phthalate zu testen. Derzeit gibt es einen freiwilligen ASTM-Standard für Babytragen, der die Hersteller aufruft, Muster ihrer Tragehilfen strengen Tests zu unterziehen, sie mit Sicherheits-Labels zu versehen, um so das Anwenderwissen von Konsumenten und die Kindersicherheit zu erhöhen. Dieser freiwillige Standard wird in Kürze verpflichtend werden und es wird gewissermaßen unmöglich sein, in Nordamerika eine Tragehilfe zu kaufen, die nicht diesen äußerst strengen Sicherheitsstandards und Tests unterworfen wurde.

[Anmerkung Wickelkinder: In Europa müssen alle Babytragen ohne festes Tragegestell der gesetzlichen Norm EN 13209-2:2005 entsprechen. Diese Norm schreibt unter anderem vor, dass Babytragen erst ab einem Mindestgewicht von 3.500g zugelassen sind, Anleitungen in allen Landessprachen vorliegen müssen, keine (abreißbaren und) verschluckbaren Kleinteile vorhanden sind bzw. Knöpfe und Ösen auch unter Zug von bis zu 90N nicht ablösbar sind, Kordeln und Zugbänder wegen Strangulationsgefahr nicht länger als 22 cm sein dürfen, die Beinöffnungen bzw. Seitenabstützung so beschaffen sein muss, dass ein Baby auch seitlich nicht herausrutschen kann, alle Bestandteile der Trage schadstoffgeprüft werden entsprechend der Spielzeugnorm EN 71-3, alle Schnallen und Verschlüsse in einem Dauerbelastungstest getestet wurden und zusammen mit den Gurtbändern auch bei Dauerbelastung nicht mehr als 2 cm nachgeben dürfen und vieles vieles mehr. Die EN 13209 ist selbstverpflichtend für alle Babytragen-Hersteller – jedoch gibt es keine verpflichtende Zulassung vor Verkaufsstart eines Produkts und nur unregelmäßige Kontrollen auf dem Markt, ob diese Norm auch eingehalten wird]

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[Die Entwicklung der Babywearing Community]

Trotz alledem habe in in letzter Zeit häufig gehört, dass – in verschiedenen Babytragen-Foren – aktuell Ratschläge von Trageberaterinnen/ Trage-Enthusiastinnen kursieren, dass die Benutzung der einen oder anderen Babytrage schädlich für Neugeborene sei, auch wenn diese Tragehilfe selbst für Neugeborene vermarktet wird. Die Trageberaterin wird oftmals andere Tragehilfen empfehlen, die sie für geeigneter für dieses Alter hält, in der Regel ein gewebtes Tragetuch oder einen RingSling. Dieser Ratschlag wird mit den allerbesten Absichten gegeben, um das Thema Babytragen zu unterstützen – und doch ist es nicht das, was ich eine positive Beratung, was ich eine positive Fürsprache nenne. Und zwar aus folgenden Gründen:

Eine Mutter, die ihr Baby gerne tragen möchte (nennen wir sie Barbara) interessiert sich für eine Tragehilfe (nennen wir sie BubbaCarry), die von einem bekannten Hersteller produziert wird und vom Design für Neugeborene und Babys bis 15 kg konzipiert ist. Sie hat das Gefühl, dass diese Tragehilfe ihren Bedürfnissen mehr als jede andere Tragehilfe entspricht. Barbara fragt nun in einem Forum, ob jemand von BubbaCarry gehört hat und eine Einschätzung dazu abgeben kann. Die Antwort, die sie erhält, besagt, dass BubbaCarry für Neugeborene riskant sei. Barbara ist nun verwirrt. Der Hersteller erfüllt in jeder Hinsicht die für Babytragehilfen maßgeblichen Standards, und BubbaCarry hat einen Baby-Sitzverkleinerer, mit dem ein Neugeborenes in dieser Tragehilfe getragen werden kann. Barbara vertraut dem Hersteller und der Tragehilfen-Branche. Aber sie hat den Rat dieser Trageberaterin bereits in früheren Beiträgen gelesen und vertraut ihr ebenfalls. Denn diese hat viel Erfahrung und weiß genau, wovon sie spricht. Wem soll Barbara nun glauben: dem Hersteller oder der Trageberaterin?

Scenario 1: Möglicherweise entscheidet sich Barbara für den Kauf der BubbaCarry-Tragehilfe und kehrt nicht mehr zu dem Babytragen-Forum zurück, um sich nochmal Rat oder Hilfe zu holen. Sie könnte befürchten, wegen der von ihr getroffenen Wahl kritisiert zu werden. Sie wird das Gefühl mitnehmen, dass sie keine „echte“ Tragemama ist, weil sie sich gegen das Tragetuch oder den Sling entschieden hat, das ihr im Forum empfohlen wurde.

Scenario 2: Möglicherweise entscheidet sich Barbara dafür, dem Rat der Trageberaterin zu folgen. Sie kauft ein Tragetuch anstelle der Babytrage, die sie sich ursprünglich ausgesucht hatte, und stellt wie bereits befürchtet fest, . dass ihr die Handhabung nicht liegt und keinen Spaß macht. Möglicherweise ist sie vom Tragetuch überfordert und von der Länge des Stoffs eingeschüchtert. Tragetuch-Binden ist nichts für unsere Barbara! Letztendlich trägt Barbara nun ihr Baby überhaupt nicht.

Scenario 3: Ein weiteres Szenario könnte sein, dass – gepaart mit der immer noch in der Öffentlichkeit vorherrschenden Meinung, dass Babytragen grundsätzlich riskant sei – Barbara nun komplett verunsichert ist. Sie wirft die Idee ihr Baby zu tragen komplett über Bord und ihre Wahl fällt auf einen schicken Kinderwagen plus Babyschale zum Schieben und Herumschleppen.
In einer solchen Situation benötigt Barbara, wie alle Eltern, die sich neu mit dem Thema Babytragen beschäftigen, vor allem Vertrauen! Vertrauen in die Babytragen-Branche , Vertrauen in die Hersteller von Tragehilfen und Vertrauen in die Trageberaterinnen/ Trage-Szene gleichermaßen. Wenn schon die Trageszene selbst dem Handel und den Herstellern nicht vertrauen, warum sollte es dann Barbara?

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Natürlich kann jeder Babyartikel zur Gefahr werden. Selbst ein Kinder-Autositz, einer der am strengsten geregelten und kontrolliertesten Artikel in der Babyindustrie, kann bei einem Aufprall versagen  wenn er nicht korrekt installiert wurde. Wie so oft ist es die Handhabung eines Produkts und nicht das Produkt an sich, die beeinflussen, ob sich das Risiko erhöht oder minimiert. Eine gute Babytrage ahmt die Haltung nach, in der ein Baby in den Armen getragen wird. Das heißt, ein Baby  in einer guten Babytrage ist dem Körper des Tragenden genauso zugewandt, als würde man es direkt in den Armen halten. Auf dem Markt gibt es viele Vorrichtungen, um Babys zu transportieren. Babytragen sind nur eine Möglichkeit. Andere sind zum Beispiel Tragetaschen oder Kindersitze fürs Auto. All diese anderen Transportmöglichkeiten erfüllen nicht die Erwartungen, dass ein Baby senkrecht und eng am Körper getragen werden kann und sich sein Kopf oberhalb des Brustkorbs der tragenden Person, idealerweise in der Nähe des Schlüsselbeins befindet. (siehe 3. Absatz des BCIA-Positionspapiers).

Welche Antwort sollten wir als Trageberaterinnen also geben, wenn wir um Rat gefragt werden, welche Tragehilfen für Neugeborene sicher und geeignet sind? Zum einen sollten wir sicherstellen, dass die angefragte Tragehilfe die derzeitigen ASTM-Standards in den USA oder die EN-Standards in Europa erfüllt und dass sie offiziell für Neugeborene konzipiert ist. Weiterhin sollten wir sichergehen, dass das Elternteil weiß, wie man die Tragehilfe richtig benutzt, denn die Praxis der Handhabung und nicht das Produkt allein gewährleistet die Sicherheit des Babys.

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Zuletzt sollten die Eltern für die richtige Position des Babys in einer Tragehilfe sensibilisiert werden. Das Baby ist dann sicher und nicht gefährdet, wenn die ausgewählte Babytrage das Tragen „in-arms“ (in den Armen) imitiert, wenn also das Baby in einer aufrechten Position getragen wird, Gesicht und Nase sichtbar und unverhüllt, in Kuss-Kopf-Höhe positioniert. Es mag nicht die Tragehilfe sein, die du dir für dein eigenes Baby ausgesucht hättest, doch es ist immer noch eine sichere Trage.

Als Babytragen-Befürworterinnen und Trageberaterinnen sollten wir unserer eigenen Babybranche vertrauen-  als Community und Gemeinschaft sollten wir Eltern, die ihr Baby tragen wollen, helfen und unterstützen, so dass sie ihre Tragehilfen souverän und sicher verwenden. Ich appelliere an unsere babywearing community, an unsere Trageszene, sich positiv für das Tragen von Babys einzusetzen und mit der Verunsicherung aufzuhören, die nur die Gefahr in sich trägt, das Ansehen des Themas Babytragen und der Babytragen-Branche zu trüben und zu beschädigen.

Literatur

2 Gedanken zu „Are You A Positive Babywearing Advocate?

  1. Danke für die Übersetzung. Ich finde den Artikel sehr gut geschrieben und würde ihm breites Publikum wünschen, da in meinen Augen aktuell eine ziemlich massive Stimmung gegen bestimmte Tragehilfen gemacht wird.

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